Pesso-Therapie und Coaching
Die Möglichkeitssphäre
Die Möglichkeitssphäre ist der psychologische, emotionale, Passform bietende Raum, in dem der Therapeut einen Platz und eine sichere, annehmende Atmosphäre schafft, in der es für die Klienten möglich wird, mehr sie selbst zu werden. In der Möglichkeitssphäre kann sich der Klient/die Klientin sicher fühlen und auf verschiedenen Zeitebenen arbeiten. Es wird möglich, dass er/sie alle sich zeigenden Emotionen sowohl im Geisteszustand des Kindes als auch im erwachsenen Geisteszustand erleben kann. Es wird für die Klienten möglich, nach und nach mehr sie selbst zu werden.
Was zeichnet die Möglichkeitssphäre aus? Zuerst einmal eine Athmosphäre der Offenheit: alles was sich zeigt, wird willkommen geheissen und anerkannt. Durch das sog. Mikrotracking des Therapeuten wird der Kontext mit den damit verbundenen Emotionen kontinuierlich benannt. Dieser Prozess läuft über die symbolische Figur des Zeugen.
Die Basis des Mikrotracking besteht aus drei Säulen: Die fokussierte Achtsamkeit, das offene Gewahrsein und die freundliche Absicht, sowohl der zentralen Person als auch des Therapeuten, sich selbst, den auftretenden Gedanken und Emotionen/Gefühlen gegenüber. Der Therapeut übernimmt dabei die Rolle der Zeugenfigur.
Zusätzlich zu den Bezeugungen duch die Zeugenfigur, benennt der Therapeut auch "innere Stimmen", welche Glaubensätze der zentralen Person sind. Innere Stimmen weisen den Weg zu dahinter liegenden Bedürfnissen der zentralen Person, welche in der Möglichkeitssphäre auf symbolische Weise mit Figuren oder Rollenspielern befriedigt werden können.
Form - Passform
Das Form-Passform-Modell ist ein entwicklungspsychologisches Konzept der Emotionsregulation und Selbstentwicklung.
Eine Form in der PBSP stellt ein Entwicklungsbedürfnis dar. Die Passform antwortet auf dieses Bedürfnis mit einer symbolischen Befriedigung.
In einer Struktur steht der zentralen Person (Klient:in) eine Möglichkeitssphäre zur Verfügung. Darin findet Interaktion mit Objekten oder Rollenspieler:innen statt.
Durch die Interaktion der zentralen Person mit Objekten und Figuren können neue, heilsame Erfahrungen gemachte werden.
Grundbedürfnisse
In der Pesso-Therapie wird der symbolischen Befriedigung von unbefriedigt gebliebenen Entwicklungs-Grundbedürfnissen besondere Beachtung geschenkt. Dabei machen wir uns die Tatsache zu Nutze, dass Erinnerungen auf körperlicher, emotionaler und mentaler Ebene auftauchen können, die in der Vergangenheit liegen können. An diese Erinnerungen an unbefriedigte Bedürfnisse knüpfen wir an. In einer hypothetischen Vergangenheit kann mit Hilfe von Objekten oder Rollenspielern an die alte Szene angeknüpft werden und eine neue Erfahrung erfolgen. Als Entwicklungs-Grundbedürfnisse gelten die folgenden fünf: Platz, Nahrung, Unterstützung, Schutz und Grenzen, alle sowohl konkret als auch im übertragenen Sinn.
Unterschiedliche Theorien in der Psychologie kategorisieren die Grundbedürfnisse auf ihre eigene, nützliche Art. So ist es auch bei der Pesso-Therapie. Mit dem Konzept der Grundbürfnisse Platz, Nahrung, Unterstützung, Schutz und Grenzen, gelingt es in der Arbeit mit Klienten, in einer hypothetischen Vergangenheit mit idealen Elternfiguren, unerfüllt gebliebene Bedürfnisse symbolisch zu befriedigen. Und dies sowohl auf der körperlichen, emotionalen als auch mentalen Ebene. Wenn dies gelingt, findet das Befürfnis (Form), eine stimmige Befriedigung (Passform).
Platz: wir können uns willkommen fühlen in einer uns willkommen heissenden Passform. Und dies ist nach der Zeugnung die willkommenheissende Gebärmutter. Und wenn das Kind schliesslich geboren wird, benötigt es einen symbolischen Platz, einen metaphorischen Platz in der Welt. Es hat die Erwartung, dass es gesehen wird von den mütterlichen Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, fühlt sich das Kind beheimatet in seinem Körper, in seinem Geist und zu Hause in der Welt.
Nahrung: Wir brauchen Nahrung, genährt werden, im wörtlichen Sinne und im symbolischen Sinne und wir müssen sie uns auch selbst geben können. Durch das Ansprechen des Belohnungssystem wird Lust ausgelöst, wenn z.B. Nahrung über die Mutterbrust ins Kind hinein fliesst. Wenn die Mutter dem Kind, das hungrig ist (Form), Nahrung „anbietet“ (Passform), dann entdeckt das Kind mit seinem ganzen Wesen, dass das stimmig und richtig ist. Die Leere füllt sich langsam mit etwas warmem und es entsteht Entspannung und Beruhigung im Körper des Kindes.
Unterstützung: Das Kind erwartet von seinen Eltern getragen zu werden, solange es noch nicht selbst laufen kann. Sobald es die ersten Gehversuche startet, sucht es nach Halt durch die Eltern oder anderen Bezugspersonen. Es erwartet jedoch auch emotionale Unterstützung um auch mit seiner Gefühlswelt immer wieder ins Gleichgewicht kommen zu können.
Schutz: Wenn wir als Menschen Bedrohungen ausgesetzt sind, brauchen wir irgend eine Art Schutzschild. Wörtlicher Schutz ist, wenn sich das Kind z.B. hinter dem Bein des Vaters verstecken kann, wenn es ängstlich ist. Auf der symbolischen Ebene weiss das Kind, dass die Eltern es schützen werden, wenn ihm jemand Unrecht antun will.
Grenzen: das Kind erwartet, dass seine sich „unendlich stark“ anfühlenden Bedürfnisse von den Bezugpersonen auch „gezügelt“ werden. Die Bezugspersonen begrenzen das heranwachsende Kind physisch und symbolisch mit der Haltung: „Deine Aggression, Deine Sexualität darf da sein. Deine Emotionen, Deine Bedürfnisse dürfen da sein. Doch wir lassen nicht zu, dass sie unbegrenzt ihre Macht ausüben!"
Der Körper in der Pesso-Therapie
Der Arbeit mit unserem Körper und der Sensomotorik einerseits und den Emotionen und Gefühlen in unserem Körper andererseits, spielt eine wesentliche Rolle in dieser Therapie- und Coaching-Form. Wie die modernen Neurowissenschaften nahelegen, können körperliche Erfahrungen später als Erinnerungen wieder abgerufen werden.
Dabei werden die neuen Erfahrungen neben den alten Erfahrungen erinnert. Ziel der Pesso-Arbeit ist es, den neuen befriedigenden Erfahrungen mehr Platz zu gewähren als den alten unbefriedigenden Erfahrungen.
Sind diese körperlichen Erfahrungen entgegen unseren Bedürfnissen erfolgt, können neue Erfahrungen eine symbolische Befriedigung auf körperlicher, emotionaler und mentaler Ebene bewirken.
In der Ausbildung wird grosser Wert auf das Einbeziehen des Körpers während einer Struktur gelegt. Der sich im Klienten sich zeigende Energie in Form eines Impulses wird besondere Beachtung geschenkt.
Oft ergibt sich aus einem Impuls eine Aktion, in Form einer Bewegung. Dieser Bewegung wird nachgegangen und nach einer für den Klienten passenden Interaktionsmöglichkeit gesucht. Durch Objekte oder Rollenspieler wird eine stimmige Passform zu dieser Bewegung geschaffen.
Im Experimentieren in der Interaktion, etwa ein Anlehnen an eine Kontaktfigur, kann der Klient eine Bedeutung für sich erkennen, und diese mit seiner Energie verbinden. So entstehen auf körperlicher Ebene neue Erfahrungen mit Interaktion.
Findet die Interaktion in einer hypothetischen Vergangenheit statt, kann die neue Erfahrung als Möglichkeit, wie es anders hätte sein können, erlebt werden. Eine neue Perspektive auf die eigene Geschichte und eine mögliche Gegenwart können sich zeigen.
Die Zeugenfigur
In einer Sitzung (“Struktur”) wird dem Therapeuten eine Zeugenfigur zur Seite gestellt, entweder konkret als Rollenspieler:in, als Stuhl oder angedeutet durch den Therapeuten mit seiner Hand. Die Zeugenfigur ist Hauptbestandteil des sog. Mikrotracking. Schon alleine dieser einzigartigen Bezeugungsvorgangs wegen, lohnt es sich eine Pesso-Struktur einem zu erleben, oder in Videos anzusehen.
Die vom Therapeuten gesprochene Zeugenrolle, verläuft als «2. Tonspur» parallel und abwechselnd zu den Schilderungen des Klienten und den auftauchenden Empfindungen und Emotionen.
Dabei wiederholt die Zeugenfigur eine Äusserung des Klienten und nennt dazu das sichtbar gewordene Gefühl.
Ist dieses für den Klienten stimmig benannt, erfolgt ein Moment des «Click of closure» beim Klienten, er/sie fühlt sich verstanden und gesehen. Und der Prozess kann weiter gehen.
Innere Stimmen
Lassen sich Glaubenssätze, Affirmationen und andere innerer Stimmen des Klienten aus dem Gespräch erkennen, werden diese vom Therapeuten ebenfalls benannt. Diese «innere Stimme» des Klienten wird in der passenden Tonlage vom Therapeuten wiederholt. Damit hat die zentrale Person die Möglichkeit, die «innere Stimme» von aussen wahrzunehmen und deren Wirkung zu beobachten.
In der Möglichkeitssphäre einer Struktur können auftauchende «innere Stimmen» entpuppen sich manchmal als Notfallprogramm aus der Vergangenheit, welches bis ins «Hier und Jetzt» wirksam geblieben ist.
In einer hypothetischen Vergangenheit kann die zentrale Person eine neue Erfahrung machen, mit idealen Figuren, welche die damaligen unbefriedigten Bedürfnisse erkannt hätten und sie in einer Struktur in symbolischer Form befriedigen.
Das Notfallprogramm von damals verliert an Bedeutung für den Klienten und die neuen körperlichen, emotionalen und mentalen Erfahrungen werden wichtiger im Erleben der Person.
Die Platzhalter
Um die Schilderungen des Klienten strukturieren zu können, werden Platzhalter in Form von kleinen Objekten verwendet. Personen und andere Lebewesen, Institutionen, alle Art Objekte aus der Erfahrungswelt der zentralen Person können als Platzhalter auf die Bühne einer Pesso-Struktur gebracht werden.
Durch diese «Aussen-Perspektive» auf die Realität da draussen, kann die «Innen-Perspektive» auf diese Objekte und Menschen einfacher werden. Kleine Objekte, wie Steine, Muscheln und weitere Naturobjekte dienen als Gedankenstützen im Prozess, welche alles, was die zentrale Person mit einer anderen Person, einem Tier, einer Institution etc. verbindet.
In der therapeutischen Arbeit, der Struktur, werden diese Objekte als Platzhalter in eine Rolle genommen und am Ende der Struktur wieder entrollt. Bei Strukturen, welche über Zoom oder Teams "remote" durchgeführt werden, legt sich die zentrale Person solche Gegenstände vor Beginn der Arbeit bereit.
Die Platzhalter können als Datenbank der realen Person, Tier, Institution aufgefasst werden, die alles, negatives und positives, umfasst. Es kann sein, dass es noch zusätzliche Objekte braucht, welche die Klient:in z.B. vor der symbolisierten Person schützt, wie etwas ein Tuch, Kissen, Würfel oder ein Sitzsack.
Akkommodation
Durch die Präsenz von positiven Fragmentfiguren in der Möglichkeitssphäre und durch die bejahende Präsenz des Therapeuten entsteht eine erneute Hoffnung darauf, dass die unerfüllten Bedürfnisse symbolisch in Interaktion befriedigt werden können.
Eine positive Fragmentfigur ist z.B. eine Kontaktfigur, eine haltgebende Figur, eine Erlaubnis gebende Figur, eine validierende Figur, eine Schutzfigur, eine unterstützende Figur, eine limitierende oder begrenzende Figur, eine orientierunggebende Figur oder eine fürsorgliche Figur.
Positive Fragmentfiguren bieten dem Klienten eine erwünschte, passende Interaktion im Hier und Jetzt an. Auf der Bühne der Struktur sind sie Vorläuferfiguren für die guten Qualitäten von idealen Eltern.
Ideale Figuren: Die zentrale Person hat die Möglichkeit im "Dort und Damals", in der erinnerten Vergangenheit neue Erfahrungen mit idealen Elternfiguren zu machen. Diese Figuren sind mit allen Sinnen erlebbar.
Neue Erfahrungen mit idealen Elternfiguren, oder einfach "Antidot"-Erfahrungen, verändern sozusagen die Flughöhe auf der Reise, mehr sich selbst zu werden. Sie ermöglichen eine neue Perspektive im aktuellen Leben der zentralen Person.
Die idealen Eltern sagen Dinge, welche die zentrale Person zusammen mit dem Therapeuten in einer Struktur entwickeln. So können sie etwa sagen: "Wenn wir damals, als du 6 Jahre alt warst, Deine idealen Eltern gewesen wären, hättest Du einen sicheren Platz in unseren Augen und Herzen gehabt."
Filme
Die Methode der «Filme» in der Pesso-Arbeit basiert darauf, dass uns Geschichten uns von klein auf begleiten. Wenn wir als Kinder die Geschichten unserer Familienangehörigen, Verwandten und Freunde erfahren, setzen wir uns damit auseinander und beziehen unser Verhalten darauf. Ein Kind erfährt vom frühen Tod seines Grossvaters, und dass die Mama früh ihren Papa verlor, und das Kind stellt sich die Mama als Kind in dieser Situation vor. Es macht sich selbst einen «Film» des Geschehens, in welchem auch Emotionen der Mama als Kind (Trauer, Sehnsucht, Leere) enthalten sein können. In einer hypothetischen Vergangenheit kann sich die Klientin in einer Pesso-Struktur einen «neuen Film» ansehen, welcher besser zu seinen Bedürfnissen dort und damals gepasst hätte. Dieser Film wird vom Therapeuten mit kleinen Objekten, Muscheln oder Steinen, gespielt. Der Therapeut spielt mit kleinen Objekten, wie Bezugspersonen der zentralen Person in ihrer Kindheit glücklich gewesen wären. "Sie können dabei zusehen, wie Ihre Angehörigen über die Mehrgeneationen-Perspektive im dort & damals glücklich glücklich aufgewachsen wären!" Das Ansehen eines solchen Spiels durch den Therapeuten kann bei der zentralen Person eine neue Erfahrung und eine neue Perspektive im "Hier und jetzt" erzeugen.
In Filmen wird mit Objekten gearbeitet, welche die reale Person, z.B. den realen Vater, als Kind symbolisieren, sowie neu erfundene ideale Eltern. Damit wechseln Sie die Flughöhe und schauen in eine hypothetische Vergangenheit und können dabei neue körperliche, emotionale und mentale Erfahrungen machen.
Zu sehen, wie wichtige Bezugspersonen hätten anders aufwachsen können, wie sie z.B. hätten glücklich "Kind sein können", ändert zwar die reale Vergangenheit nicht, doch ermöglicht die veränderte Flughöhe eine neue Perspektive auch auf ihr eigenes Leben eröffnen.
Filme sind in der Pesso-Therapie ein Möglichkeit, "Ihre Leute glücklich heranwachsen zu sehen". Sie betrachten einfach das Geschehen, symbolisiert durch kleine Steine oder Muscheln. Hier arbeitet der Therapeut für Sie und macht Ihnen Angebote, wie ihre Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern auch hätten aufwachsen können.
Prinzipien
Ein weiteres hilfreiches Mittel für die Bewusstwerdung von Projektionen von eigenen Erfahrungsinhalten auf andere Menschen ist die Verwendung von sog. Prinzipien. Dabei handelt es sich von «Grundsätzliches» im Erleben der zentralen Person, welches seinen Ursprung in der Vergangenheit hat und sich störend im jetzigen Erleben der zentralen Person eingenistet hat. Auf einem Chef liegt dann z.B. das (Erfahrungs-) Prinzip eines dominanten Vaters. Auch bei den Prinzipien gilt, dass durch die «Aussen-Perspektive» der Blick auf die «Innen-Perspektive vereinfacht werden kann. Positive und negative Erfahrungs-Prinzipien können so vom aktuellen «Träger» der Projektion auf den ursprünglichen «Träger» zurück übertragen werden. So können Beziehungen vor dem Hintergrund alter Übertragungen und Projektionen neu erfahren werden.
Wenn wir etwas auf andere Menschen projizieren, stört dies unsere Beziehungen oft nachhaltig. Im Pesso-Coaching können wir dies mit Hilfe der Prinzipien-Methode sichtbar machen, bearbeiten und auflösen.
Prinzipien werden mit Post-it und Platzhaltern symbolisiert. So wird die Projektion sichtbar gemacht. Was die Neurowissenschaften heute ziegen, hat Al Pesso so ausgedrückt: "Wir nehmen die Gegenwart durch die Brille unserer Erinnerungen wahr".
Was steckt hinter diesem Prinzipiellen, welches Sie möglicherweise bei jemand anderem wahrnehmen, zum Beispiel als positive oder negative Eigenschaft dieser Person? Dieser Fragen können wir im Pesso-Coaching nachgehen.
Eine Fallvigniette
Es gibt sehr viel Literatur, Videos und Audioaufnahmen zur Pesso-Methode und deren Wirkweise. Einige Erfahrungsberichte zur Methode sind über den folgenden Link einzusehen. Die eigene Erfahrung überwiegt jedoch solche Berichte, verständlicherweise. Um mehr darüber zu erfahren, kontaktieren Sie mich einfach und unverbindlich.
Eine ca. 60-jährige Frau kommt wegen einer chronischen Schmerzproblematik in Behandlung. Sie hatte schon vieles ausprobiert, um ihre Schmerzen zu lindern und unter Kontrolle zu bringen. Hausärztliche medizinische Untersuchen, diverse neurologische Spezial-Untersuchungen und das Verschreiben von Akupunktur, das Aufsuchen eines Psychiaters, welcher Psychopharmaka verschreibt und zusätzlich zur Gesprächstherapie eine Kunsttherapie empfiehlt. Die Patientin ist sehr gewillt, sich Hilfe zu holen, nimmt an einer Selbsthilfegruppe mit Menschen mit chronischen Schmerzen teil. Schliesslich findet sie Anschluss an eine bestehende Pesso-Strukturgruppe. An den monatlichen Gruppentreffen, spricht sie die erste Zeit über ihre chronischen Schmerzen und die Auswirkungen auf ihr alltägliches Leben. Spazieren bereitet ihr Mühe, mit ihrem Partner, der sie unterstützt, auszugehen, geht der Schmerzen wegen fast nur noch selten.
In den ersten Strukturen verwendet der Therapeut eine Zeugenfigur, welche den Prozess typischerweise begleitet und die Müdigkeit und Verzweiflung der Klientin sieht und den Kontext benennt.
Der Therapeut symbolisiert die Zeugenfigur im Raum, er deutet sie mit einem erhobenen Arm an. Nach und nach übernehmen Gruppenmitglieder Rollen, und spielen diese nach genauer Anleitung des Therapeuten und der Klientin. Da ist z.B. eine Kontaktfigur, welche einfach ihre Hand auf den oberen Rücken der Klientin legt. Mit kleinen Objekten, Muschel und Steinen, spielt der Therapeut einen sogenannten Film der Mutter, als kleines Kind mit idealen Eltern, welche der Mutter als Kind eine glückliche Kindheit ermöglicht hätte. Die reale Mutter war im 2. Weltkrieg in Deutschland als Kind aufgewachsen und hatte die Vergangenheit aus ihrem jetzigen Leben verbannt. Bei einer der nächsten Strukturen wurde eine Schutzfigur installiert, welche die Klientin vor dem beschämenden Verhalten aus ihrem Umfeld beschützt, geäussertes Misstrauen etwa, ob sie sich die Schmerzen wohl nur einbilden würde. In einer Struktur wurde eine validierende Figur eingeführt, welche dem vorsichtigen Verhalten der Klientin am Arbeitsplatz und in ihrem Umfeld Verständnis zollte.
Die Erfahrung, ihren eigenen Platz im gewohnten Lebensraum behaupten zu können, trotz der die Klientin in ihren Aktivitäten stark einschränkenden Schmerzen, gewährten ihr ideale Eltern, welche sie spüren liessen, dass es sei, so wie sie sei. Eindrucksvoll war schliesslich nach der 6. Sitzung der Versuch, die «ermüdende Schmerzgeschichte» als Platzhalter zu externalisieren. Sie wählte eine im Raum stehende grosse Vase. Auf die Frage des Therapeuten, wo sie diesen Platzhalter im Raum aufstellen wolle, meinte die Klientin: «Am liebsten weit, weit weg! Auf den Mond! Oder sie einfach wegmachen!» Doch da stand der Platzhalter eine Armlänge von ihr entfernt und nun wurde ihr bewusst, dass diese belastenden Empfindungen genauso zu ihr ihre gehörten, wie Freude oder ihr Wohlbefinden. Sie konnte von dieser Struktur an die Schmerzen annehmen und zwar sowohl auf einer körperlichen, emotionalen als auch kognitiv-mentalen Ebene. Diese machte für Sie einen grossen Unterschied. Ihr Zustand besserte sich und heute kann sie all den verloren geglaubten Aktivitäten wieder nachgehen. Was für ein Geschenk!
Das Antidot, die heilende Gegenszene
"Umkehrlernen" ist von grundlegender Bedeutung für den Prozess, unser Verhalten und unseren Geist als Reaktion auf sich ändernde Bedingungen in unserer Umwelt zu ändern. Im Zusammenhang mit sozialem Lernen und Entwicklungstrauma erwartet der chronisch "defensive Klient" automatisch negative Reaktionen von anderen Menschen. In der Pesso-Therapie stellen Umkehrungen ein wirkungsvolles Instrument dar, um alte gewohnheitsmässige Erwartungen zu durchbrechen. Die Pesso-Therapie unterstützt das Umkehrlernen in einzigartiger Weise, indem der Klient, die zentrale Person, Erfahrungen mit idealen Figuern in einer hypothetischen Vergangenheit machen kann, die das Gegenteil von dem sind, was die zentrale Peson im "dort und damals" in der Kindheit erlebt hatte.
In der letzten Phase des therapeutischen Prozesses im Rahmen einer Struktur geht es darum, eine heilende Gegenszene oder ein Antidot zu entwickeln. Dabei wird in enger Zusammenarbeit mit dem Klienten, der zentralen Person, eine Szene erschaffen, in der er die Bedürfnisse, die er in seiner Vergangenheit hatte, erfüllt bekommt.
Rollenspieler übernehmen die Rolle idealer Eltern, die den Bedürfnissen des Klienten in optimaler Weise gerecht werden. Diese interaktionelle Erfahrung wird auf körperlich-emotionaler Ebene verankert im "dort und damals", jenem Alter also, in dem die zentralen Person diese Bedürfnisse hatte.
Am Ende bleibt die zentrale Person in diesem inneren Erfahrungsbild, während die Rollenspieler ihre Rollen verlassen und eine Sharing-Runde in der Gruppe stattfindet. Durch die Erschaffung einer neuen Erfahrung, verändert sich die Art und Weise, wie die zentralen Person die Welt sieht, und sie kann hoffnungsvoller, zufriedener und verbundener in ihrem Alltag leben.
Neue Perspektive
Mit neuer Perspektive im Sinne der Pesso-Therapie ist «Heilung und Lösung» gemeint. Ideale Figuren ermöglichen neue Erfahrungen und helfen, unerfüllt gebliebene Grundbedürfnisse in der hypothetischen Vergangenheit des Klienten symbolisch zu befriedigen.
Filme ermöglichen eine neue Sicht auf die Mehrgenerationen-Folge und «glücklich auswachsende Grosseltern oder Eltern, als diese noch Kinder waren». Schutzfiguren und grenzsetzende Figuren ermöglichen ein Erleben von Sicherheit, Schutz und Grenzsetzung in der hypothetischen Vergangenheit, z.B. bei Menschen mit einer traumatischen Erfahrung.
In der Gruppe wird es möglich, die eigene Perspektive, um jene der anderen Gruppenmitglieder zu bereichern. Mitgefühl und Verständnis für die vielfältigen Bedürfnisse anderer Menschen können zunehmen und den Blick auf die eigenen Bedürfnisse schärfen.
Alte Erfahrungen und Erinnerungen bleiben zwar bestehen, verlieren jedoch durch die neuen körperlichen, emotionalen und mentalen Erfahrungen aus Pesso-Strukturen an Bedeutung für unser gegenwärtiges Leben. Neue Erfahrungen gesellen sich neben die alten und bleiben als befriedigende Interaktionen in Erinnerung.
Hoffnung
Im Pesso-Prozess entsteht durch die Präsenz von positiven Fragment-Figuren oder idealen Figuren in der Möglichkeitssphäre eine vielleicht verschüttet gegangene Hoffnung, dass Bedürfnisse in der Interaktion mit diesen Figuren befriedigt werden können. Dadurch werden neue Erinnerungen ermöglicht, es entstehen neue innere Landkarten, welche die alten problematischen Erinnerungen in den Hintergrund treten lassen.